Startup gründen in der Schweiz: Idee, Risiko, Anlaufstellen
Startup gründen in der Schweiz: Idee validieren, Risiken senken, Anlaufstellen richtig nutzen — nüchtern eingeordnet aus eigener Gründungserfahrung.
Ein Startup zu gründen ist nicht einfach — die Mehrheit scheitert, und zwar selten an der Buchhaltung, sondern meistens an der Geschäftsidee. Wenn Du mit dem Gedanken spielst, in der Schweiz eine eigene Firma zu gründen, beantwortet Dir diese Seite drei Fragen:
- Was ist überhaupt ein Startup — und was nicht?
- Wie minimierst Du die Risiken, bevor Du Geld und Jahre investierst?
- Welche Anlaufstellen in der Schweiz helfen wirklich weiter?
Ich schreibe hier nicht als Theoretiker. Ich habe dreimal gegründet: gamebase.ch als Mitgründer — zu fünft, als Joint Venture aus zwei Vereinen —, meine Meditationskurse alleine und nextfrag.gg ebenfalls alleine. Dazu habe ich meine Thesis an der PHW Bern (2018) genau über diese Frage geschrieben: wie sich eine Geschäftsidee mit Minimum Viable Products (MVP), Human Centered Design, Lean Management und einer Blue-Ocean-Strategie günstig validieren lässt. Später kam ein EMBA in Business Engineering dazu.
Was ein Startup ist — und was nicht
Achtung! Nicht jede Unternehmensgründung ist ein Startup. Eröffnest Du zum Beispiel ein neues Gym oder ein Coiffeur-Geschäft, dann machst Du kein «Startup», sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Fehler. ;-)
Der Begriff «Start-up» stammt aus der Venture-Capital-Finanzierung und bezeichnet dort die Phase von der Entwicklung des Businessplans bis zum Produktionsstart und zur Produktvermarktung (Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort «Start-up-Unternehmen»). Heute wird er als Bezeichnung für ein junges Unternehmen verwendet, das mit wenig Kapital aus einer innovativen Geschäftsidee gegründet wird — mit dem Ziel, stark zu wachsen. Typisch sind ein hoch skalierbares Businessmodell und aktuelle Marketingmethoden.
Der Unterschied ist nicht akademisch: Ein Coiffeur-Geschäft konkurriert lokal in einem gesättigten Markt. Ein Startup sucht erst noch nach einem tragfähigen Geschäftsmodell — und genau deshalb gelten andere Regeln für Validierung, Finanzierung und Tempo.
Drei eigene Gründungen, drei verschiedene Wege
Meine drei Gründungen hätten unterschiedlicher kaum sein können:
- gamebase.ch — als Mitgründer im Fünferteam, entstanden als Joint Venture aus zwei Vereinen. Wie das Portal ohne Betriebsökonomen im Team funktioniert hat, habe ich im Beitrag zum Online-Business starten aufgeschrieben.
- Meine Meditationskurse — alleine gegründet, als Dienstleistung mit mir als Person im Zentrum. Heute laufen sie als Meditationskurse in Bern.
- nextfrag.gg — ebenfalls alleine gestartet, als digitales Projekt. Mehr dazu auf der Projektseite zu Nextfrag.
Die wichtigste Erkenntnis daraus: Es gibt kein richtiges oder falsches Rezept für eine Gründung. Die Vorgehensweise hängt von der Situation ab, vom Budget, von der Art des Unternehmens und von den Gründern selbst. Ein Fünferteam mit Community im Rücken arbeitet komplett anders als eine Einzelperson, die eine Dienstleistung aufbaut.
Die Geschäftsidee zuerst — alles andere später
Zentral für die Gründung eines Startups sind die Geschäftsidee und ein geeignetes Geschäftsmodell. Ideen sind meist genug vorhanden; was fehlt, ist das Wissen, um sie zu evaluieren, ein passendes Geschäftsmodell zu formulieren und zu prüfen, ob sich die Idee überhaupt verkaufen lässt.
Weder ein klassischer Businessplan noch die richtige Rechtsform, eine sauber aufgesetzte Buchhaltung oder die passende Versicherung helfen etwas, wenn die Idee schlecht ist und kein Markt für das Produkt existiert. Darum gehört die Validierung an den Anfang — mit möglichst tiefen Kosten und geringem Aufwand:
- Wie Du eine Idee systematisch prüfst, steht im Beitrag Geschäftsidee evaluieren.
- Eine einfache und kostengünstige Methode, eine Business-Idee zu prüfen oder auszuarbeiten, ist das Human Centered Design.
- Für die Positionierung ausserhalb des direkten Wettbewerbs lohnt sich die Blue-Ocean-Strategie.
- Die Lean-Startup-Methode (Eric Ries) setzt auf schnelles Validieren, ein Minimum Viable Product und frühes Kundenfeedback. Ziel: mit wenig Kapitaleinsatz lernen, ob die Idee einen Markt hat — bevor Du baust.
Anpassungsfähigkeit: «fressen oder gefressen werden»
Anpassungsfähigkeit ist das A und O, um das Überleben eines Business zu sichern. Sei bereit, Deine Idee fortlaufend den Ergebnissen Deiner Marktforschung anzupassen. Du kannst Dir Dein Business als Organismus vorstellen: Am Anfang ist er auf Unterstützung angewiesen und muss erst lernen, sich in seiner Umgebung durchzusetzen.
Zögere nicht, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Manchmal brauchst Du Experten in einem bestimmten Bereich, etwa einen Anwalt. Und manchmal lohnt es sich schlicht, Aufgaben auszulagern, weil sie jemand schneller und günstiger erledigt als Du — ähnlich einer Symbiose. Mehr zu dieser Perspektive im Beitrag Anpassung an die Umwelt: Was die Ökonomie von der Biologie lernt.
Startup-Unterstützung in der Schweiz: die Anlaufstellen
Für Gründerinnen und Gründer in der Schweiz gibt es mehrere Anlaufstellen, die kostenlos oder günstig weiterhelfen:
- KMU-Portal des SECO: Informationen zu Marktanalyse, Rechtsformwahl, Finanzquellen, Businessplan und Standortsuche — kmu.admin.ch.
- Gründerzentrum des Kantons Solothurn: Beratung zu Geschäftsidee, Businessplan, Geschäftsstrategie, Rechtsform, Versicherungsschutz, Steuern, Finanzen und Personal. Das Erstgespräch ist kostenlos.
- Startfeld: das Netzwerk für Innovationen und Startups in der Region St. Gallen/Bodensee. Es unterstützt Gründerinnen und Gründer sowie etablierte KMU in allen Phasen der Innovation — startfeld.ch.
- Startup Campus: ein Konsortium von Universitäten, Hochschulen und Technoparks in der Region Zürich/Ostschweiz. Die Startup-Trainingskurse werden von der schweizerischen Agentur für Innovationsförderung (Innosuisse) finanziert — startup-campus.ch.
startups.ch: kostenlos, aber mit Verkaufsagenda
Für meine Thesis habe ich mir die kostenlose Schulung «Clever eine Firma gründen» von startups.ch genauer angesehen: 35 Folien, rund zwei Stunden, acht Schritte:
- Geschäftsidee validieren.
- Businessplan erstellen.
- Richtige Rechtsform finden.
- Gründungsprozess verstehen.
- Buchhaltung etablieren.
- Wichtige Versicherungen abschliessen.
- Effizientes Marketing betreiben.
- Die besten Tools nutzen.
Die Schwerpunkte liegen auf den Schritten 2–6, die rund 90 % der Schulungszeit beanspruchen. Wenn Du aber ein Startup gründen willst, ist vor allem die Geschäftsidee zentral.
Aus meiner Sicht ist diese Schwerpunkt-Wahl in puncto Kundenorientierung eine Fehlentscheidung — aber eine nachvollziehbare: Solche Veranstaltungen sind so gestaltet, dass sich danach weitere Dienstleistungen verkaufen lassen. Sie dienen primär der Kundenakquise. Das ist keine Abwertung; die Veranstaltung ist kostenlos und durchaus zu empfehlen. Nur solltest Du wissen, was Du bekommst: viel zu Rechtsform, Buchhaltung und Versicherungen — wenig zu der Frage, ob Deine Idee überhaupt einen Markt hat. Zur Validierung werden lediglich Konkurrenzanalyse, Selbstreflexion, das Befragen guter Freunde und eine Überschlagsrechnung vorgeschlagen. Das reicht für ein Startup nicht.
Wenn Du echte Unterstützung bei der Gründung suchst, kannst Du mich gerne kontaktieren. Ich habe über die Jahre Verbindungen zu Investoren und anderen Beratern aufgebaut und unterstütze Dich auch mit meiner eigenen Beratung im Online-Marketing.
Zu viele Rezepte: das Überangebot im Internet
Neben den offiziellen Anlaufstellen findest Du im Internet zahllose Anleitungen zur Firmengründung — auf den Webseiten von Universitäten, Fachhochschulen, subventionierten Institutionen, Treuhändern und Anwälten. Das Problem: Die «korrekten Vorgehensweisen» widersprechen sich. Um sie zu bewerten, bräuchtest Du genau die betriebsökonomischen Kenntnisse, die Du Dir als Laie erst aneignen willst. Das verunsichert — und die Angst, bei der Gründung zu scheitern, ist ohnehin einer der häufigsten Gründe, gar nicht erst anzufangen. Falls Dich diese Angst beschäftigt: Im Beitrag Scheitern als Chance steht, warum Scheitern auch etwas Gutes sein kann.
Praktisch heisst das: Bau Dir aus den vorhandenen Werkzeugen Dein eigenes «Rezept» zusammen, statt einer einzelnen Anleitung blind zu folgen. Eine saubere, günstige Validierung der Geschäftsidee ist dabei der beste Schutz — sowohl gegen das Scheitern selbst als auch gegen die Angst davor.
Warum Startups scheitern — und was dagegen hilft
CB Insights hat in der Auswertung «Top Reasons Startups Fail» gescheiterte Startups analysiert. Addiert man die prozentualen Angaben, kommt man auf über 100 % — viele Gründer nannten mehrere Ursachen gleichzeitig. Die wichtigsten Muster und ihre nüchternen Gegenmittel:
- Kein Marktbedürfnis: der Klassiker. Gegenmittel: die Idee validieren, bevor Du baust — nicht danach.
- Geld ausgegangen: Gegenmittel: klein starten, mit einem MVP testen statt mit dem fertigen Produkt, Fixkosten tief halten.
- Falsches Team: Gegenmittel: fehlende Kompetenzen ehrlich benennen und ergänzen — durch Mitgründer, Berater oder Outsourcing.
- Von der Konkurrenz überholt: Gegenmittel: Positionierung ausserhalb des direkten Wettbewerbs, etwa mit einer Blue-Ocean-Strategie.
Alle Risiken eliminieren kannst Du nicht. Aber die grössten lassen sich früh und günstig prüfen — genau dafür ist das Human Centered Design gedacht.
Wichtiges Know-how für Gründerinnen und Gründer
Auch ohne Studium brauchst Du ein Grundverständnis von Betriebsökonomie: Produktion, Vertrieb, Buchhaltung, Steuern. Mindestens buchhalterisches Know-how solltest Du Dir zulegen. Wer sich systematisch weiterbilden will, findet in meinen Erfahrungsberichten zum Bachelor in Business Administration und zum Executive MBA eine ehrliche Einordnung, was solche Abschlüsse bringen — und was nicht.
Variante Online-Business: Statt Ladenlokal oder Werkstatt kannst Du auch digital starten — mit E-Commerce, Beratung, Content oder Abo-Modellen. Die Anfangskosten sind oft tiefer, die Reichweite grösser. Auch hier gilt: erst Nachfrage prüfen, dann investieren. Mehr im Beitrag Online-Business starten.
Business Angels und Investoren
Ein Business Angel investiert eigenes Vermögen in ein Startup — idealerweise zusammen mit Erfahrung und Kontakten aus der eigenen Branche. In der Schweiz führt der Weg zu solchen Investoren in der Praxis fast immer über das persönliche Netzwerk und Empfehlungen; daneben bieten Businessplan- und Pitch-Wettbewerbe eine Bühne, um die Idee vor potenziellen Geldgebern zu präsentieren. Wer Dir eine Abkürzung über eine Plattform verspricht, verkauft Dir meistens vor allem eines: die Plattform.
Ein Hinweis, den ich ernst meine: Unterschreibe keinen Beteiligungsvertrag, den Du nicht vollständig verstehst. Klauseln zu Liquidationspräferenzen, Verwässerung und Mitspracherechten entscheiden Jahre später darüber, was von Deinem Anteil übrig bleibt — lass den Vertrag vor der Unterschrift von einer Fachperson prüfen, auch wenn das Geld gerade dringend nötig wäre.
Startups und Stress
Gründen ist intensiv: Verantwortung, Geld, Tempo, Unsicherheit. Wer früh lernt, mit Stress umzugehen, hält länger durch. Achtsamkeit im Alltag hilft, den Fokus auf das Hier und Jetzt zu richten, statt im Strudel der offenen Punkte zu rotieren. Sie ersetzt keine fachliche Beratung oder Therapie, ist aber ein nützliches Werkzeug für mentale Stabilität.
Eine Alternative zum Startup: ein KMU übernehmen
Zum Schluss noch eine Alternative zur Neugründung: Es gibt Tausende von KMU in der Schweiz, die einen Nachfolger suchen. Meist sind das inhabergeführte kleine und mittlere Unternehmen, die seit vielen Jahren einen soliden Umsatz generieren und nur verkauft werden, weil der Inhaber das Pensionsalter erreicht hat.
Spezialisierte Plattformen vermitteln solche Nachfolgelösungen; hinter ihnen stehen meist selbst erfahrene Unternehmer mit vielen Verbindungen, die Dir bei der Suche nach der passenden Firma helfen können. Mit dem Kauf allein ist es allerdings nicht getan: In einer Nachfolgeregelung werden die Übergabe der operativen Tätigkeiten, die Finanzierung und die Versicherungen genau geplant. Statt neu zu gründen, könntest Du also auch eine Firma kaufen — mit bestehendem Umsatz statt unbewiesener Idee.
Willst Du immer noch ein Startup gründen?
Dann fang beim richtigen Ende an: nicht bei der Rechtsform, nicht beim Logo, sondern bei der Frage, ob jemand Dein Produkt wirklich braucht. Der konkrete nächste Schritt ist die Evaluation Deiner Geschäftsidee — danach hilft Dir die Blue-Ocean-Strategie, Dich klar zu positionieren. Alles Weitere — Rechtsform, Buchhaltung, Versicherungen — ist lösbar, sobald die Idee trägt. Umgekehrt gilt das nicht.
Quellen
- Marc Dietschi, Thesis «Online Vermarktung von Dienstleistungsprodukten mit einer Blue Ocean-Strategie basierend auf einer Kombination aus Minimum Viable Products (MVP), Human Centered Design (HCD) & Lean Management basierenden Business Modells: Evaluation und Interpretation der Skalierbarkeit und Machbarkeit», PHW Bern, 2018.
- Gabler Wirtschaftslexikon, Stichworte «Start-up-Unternehmen» und «Gründerszene».
- CB Insights: Top Reasons Startups Fail.
- KMU-Portal des SECO, Startfeld, Startup Campus.