Anpassung an die Umwelt: Was die Ökonomie von der Biologie lernt
Digitaler Darwinismus, Lifecycle, MVP: Wie sich Unternehmen an die Umwelt anpassen – mit Modellen, die aus Biologie und Lean-Denken stammen.
Warum ist Anpassung an die Umwelt für ein Unternehmen überlebenswichtig? Virtualisierung, Mobilität, vernetzte «intelligente» Produkte, Home-Office, Social Media und die Konvergenz ganzer Branchen verändern die Spielregeln laufend. Wertschöpfung hängt zunehmend vom verfügbaren Wissen ab – also auch von der Höherqualifizierung der Mitarbeitenden. Dazu kommen veränderte Kommunikationsformen und ein anderer Anspruch an Mitbestimmung. Lassen sich diese Herausforderungen mit Erkenntnissen aus der Biologie besser einordnen?
- Neue Herausforderungen der Ökonomie
- Probleme des klassischen strategischen Managements
- Das Problem von Modellen
- Ist das Unternehmen ein Organismus?
- Das Geheimnis der Langlebigkeit eines Organismus
Strategisches Management ist ein systematischer Führungsprozess für den langfristigen Erfolg. Eine einzigartige Positionierung im Markt und ambitiöse Ziele jenseits der heutigen Ressourcen sind dabei zentrale Hebel.[1]
Komplexität des Systems
Wir leben in einer Welt der kausalen Dichte: fast alles wirkt auf fast alles. Das System ist zu komplex, um es vollständig modellhaft abzubilden.
Bestehende Unternehmen und Start-ups verfügen über viele Daten, aber nur wenige Modelle helfen wirklich dabei, eine Geschäftsidee zu evaluieren oder die Skalierbarkeit eines Geschäftsmodells einzuschätzen.
Branchenübliches besser oder schneller zu machen reicht nicht mehr. Werkzeuge wie TQM, Kanban, Lean Production, Supply-Chain-Management, SCRUM oder Business Process Reengineering verschieben zwar die Produktivitätsgrenze, sind aber leicht kopierbar.
Nutzen
Sinnvoller ist deshalb, einen besonderen Kundennutzen zu schaffen – die Grundlage für einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil.[2]
Kundenbedürfnisse und Märkte verändern sich beschleunigt.[3] Wenn Technik und Gesellschaft sich schneller entwickeln, als ein Unternehmen sich anpassen kann, spricht man vom «digitalen Darwinismus».
«Es sind nicht die Stärksten, die überleben, auch nicht die Intelligentesten, sondern diejenigen, die sich am schnellsten an einen Wandel anpassen können!»[4]
Globalisierung und Digitalisierung machen die Vernetzung mit Kunden und Partnern messbar wertvoll. Unsere Vorstellungen von Unternehmen, Umwelt und Management bleiben aber Modelle – sie bilden nie die ganze Komplexität ab.
Die Grenzen von Modellen
Vom Statistiker George Box stammt das bekannte Zitat:
«Essentially, all models are wrong, but some are useful.»[5]
Sobald Bedürfnisse und Verhalten der Kunden ins Zentrum rücken, entsteht eine Komplexität, die mit klassischen Modellen kaum noch zu erfassen ist. Suchalgorithmen von Google, Facebook, Bing oder LinkedIn lassen sich ebenso wenig vorhersagen wie gesellschaftliche Verschiebungen. Der Megatrend «Internet» hat dabei einen ähnlichen Einfluss wie zunehmende Metropolisierung oder die Verknappung von Trinkwasser.
Das Unternehmen als lebenden Organismus sehen?
Der Lifecycle-Ansatz beschreibt die Entwicklung eines Unternehmens als Abfolge von Phasen – analog zu einem Organismus. Vor einigen Jahren wirkte dieser Vergleich noch ungewohnt. Inzwischen sind Apps mit Deep-Learning- und Machine-Learning-Algorithmen Alltag, und neuronale Netzwerke imitieren Strukturen aus der menschlichen Wahrnehmung. Die Parallelen zur Natur sind deshalb keine Metapher mehr, sondern Werkzeug. Lösungen, an denen die Evolution Millionen Jahre gearbeitet hat, lassen sich modellhaft auf Ökonomie übertragen.
Ökonomie und Biologie
Schon 1809 veröffentlichte der französische Biologie-Professor Jean-Baptiste de Lamarck seine Evolutionstheorie.[6] Sein Kerngedanke: Lebensformen entwickeln sich von einfachen zu komplexen Strukturen, ähnlich wie sich aus einer befruchteten Eizelle ein ausgewachsenes Tier entwickelt.
Der Lifecycle-Ansatz aus der Ökonomie basiert auf derselben Beobachtung.
50 Jahre später erweiterte Charles Darwin in «Die Entstehung der Arten» das Bild: Evolution besteht nicht nur aus der Veränderung von Arten (Anagenese), sondern auch aus der Aufspaltung in neue Arten (Kladogenese) – der bekannte «Baum des Lebens».[7]
Isolationsmechanismen sind Voraussetzung für Artbildung: Eine Population entwickelt sich in eine Richtung, eine andere in eine andere. Das geschieht durch räumliche Trennung oder durch «Einnischung» – Anpassung an eine ökologische Nische.
Dieselbe Logik greift in der Ökonomie. Viele Unternehmen fokussieren sich auf eine Marktnische und passen sich auf diese an, um wirtschaftlicher zu werden.
Darwins Beobachtungen wurden zur synthetischen Evolutionstheorie weiterentwickelt: Mutationen und Durchmischung erzeugen Unterschiede, die der natürlichen Selektion unterliegen.
Vermehrung und Überleben hängen also von der Anpassung an die Umwelt ab.
Natürliche Selektion in der Biologie
Klassisches Schulbeispiel: Hirsche, deren Geweihe von Generation zu Generation grösser wurden, weil grosse Geweihe Weibchen beeindruckten. Irgendwann wurde das Geweih hinderlich – Hirsche mit kleineren Geweihen wurden konkurrenzfähiger, und die Durchschnittsgrösse pendelte sich neu ein.
Zweites Beispiel: Schafe in West-Australien vermehrten sich rapide, weil natürliche Feinde fehlten. Es kam zur Nahrungsknappheit. Die Population schrumpfte – und schrumpfte weiter, obwohl plötzlich genug Nahrung da gewesen wäre. Die Forschung fand heraus, dass die nachwachsenden Gräser ein Phyto-Östrogen enthielten, das ähnlich wie eine Anti-Baby-Pille die Fortpflanzung blockierte.
Was beide Geschichten gemeinsam haben: Keine der Arten ist ausgestorben.
Dieselben «Steuerungs-Mechanismen» lassen sich in der Wirtschaft beobachten. Wer sich anpasst, überlebt.
Hirsche und Schafe existieren weiter – wie sieht es in der Wirtschaft aus?
Der britische Ökonom Leslie Hannah von der London School of Economics[8] hat sich mit langfristigen Trends im Unternehmenswandel befasst. Von den 100 grössten Unternehmen weltweit aus dem Jahr 1912 fanden sich 1995 nur 20 in der Fortune-500-Liste.[9] Ein Drittel der Fortune 500 von 1970 existierte 1983 nicht mehr.
Viele Unternehmen mit veralteten Produkten investieren grosse Summen, um am Leben zu bleiben – und scheitern trotzdem. Wie ein verletzter Organismus, der sich künstlich am Leben erhält.
Joseph Schumpeter wies bereits 1911 auf die Rolle der Innovation hin.[10] Seine Kernthese: Kapitalismus ist Unordnung, in die innovative Unternehmer immer neue Ideen tragen. Aus dieser Unordnung entstehen Fortschritt und Wachstum.
Was ist das Geheimnis der Langlebigkeit von Unternehmen?
Innovation ist über die letzten 100 Jahre zum zentralen Thema vieler Organisationen geworden. Entscheidend ist nicht die Grösse, sondern die Anpassungsfähigkeit. Aus Anpassungsfähigkeit entsteht Langlebigkeit. Fehlt sie, entsteht Stress – und damit fehlen Ressourcen für regenerative Prozesse.
Innovation (Ökonomie) = Fitness (Biologie)
Steigerung der Fitness einer Unternehmung
Wie steigert man Fitness in einer Organisation? In der Biologie entstehen durch Mutationen ständig neue Merkmale, die sich mehr oder weniger gut bewähren. Diese Versuche laufen nicht unter Laborbedingungen, sondern als kontinuierliches Chaos – und dieses Chaos heisst Leben. Es ist voll von Scheitern.
«Scheitern» ist in der Betriebswirtschaft kein gerngehörtes Wort. Dazu kommt eine charakteristische Selbstüberschätzung: Eine Umfrage zeigt, dass 90 % aller Autofahrenden sich selbst als überdurchschnittlich gute Fahrer einstufen.[11] Niemand will scheitern – also wird Scheitern vermieden. Damit wird auch Innovation gehemmt. Genau die Innovation, die Anpassungsfähigkeit und damit Überleben sichert.
Praktisch reduzieren lässt sich Stress in Organisationen über mehrere Hebel:
- Klare Prioritäten und Ziele. Mitarbeitende können sich auf Wesentliches fokussieren, statt sich an Nebenschauplätzen zu verzetteln.
- Work-Life-Balance ernst nehmen. Erholung ist kein Bonus, sondern Voraussetzung für Anpassungsfähigkeit.
- Unterstützung sicherstellen. Werkzeuge, Kompetenzen und Ansprechpartner senken Reibungsverluste.
- Gesundheit fördern. Bewegung, ausgewogene Ernährung und Mindfulness gehören – sachlich begründet – auch in den Business-Kontext.
Anpassung des Unternehmens an die Umwelt
Wettbewerb, Organisation, Kooperation, Symbiose, Kommunikation: All diese Prinzipien finden sich bei allen Lebewesen. Über Millionen Jahre hat sich daraus eine ausbalancierte Artenvielfalt entwickelt. Welches Lebewesen taugt nun als Vorbild für ein Unternehmen?
Für ein Startup eignet sich das Modell einer einzelnen Zelle, die sich differenziert und repliziert – ein Bakterium oder ein Einzeller. Mehrere Wege, ein Business zu starten, lassen sich aus dieser Analogie ableiten.
Warum eine Zelle?
Die «DNA» dieser Zelle entspricht dem Wissen, den Annahmen und der Haltung der Gründer. Sie definiert Funktionsweise und Selbstbild der Organisation.
Ein Virus wäre dann ein Gedanke oder eine Emotion: Er nistet sich – analog zur biologischen DNA – ein und verändert das Verhalten der Zelle.
Aus dieser Perspektive wird der Begriff «virales Marketing» einfach erklärbar: ein Gedanke, der den Wirt dazu bewegt, ihn zu replizieren.
Intelligentes Design
Beim Design der eigenen «Zelle» nutzt man Lösungen, die die Evolution durch zahllose Versuche hervorgebracht hat. Die Zelle soll sich schnell replizieren und sich dabei laufend an die Umwelt anpassen. Was nicht funktioniert, wird verworfen – nicht als Scheitern, sondern als kontrolliertes A/B-Testing. Klassische Modelle der Betriebsökonomie reichen dafür nicht, also kombiniert man mehrere – mit Schwerpunkt auf Evaluation.
Das Internet ist dabei zentrales Hilfsmittel:
- Ein Online-Business zu starten, ist günstig.
- Skalierbarkeit ist hoch.
- Geografische Einschränkungen entfallen.
- Es gibt keine Öffnungszeiten.
- Fixkosten sind tief (Hosting, Domain, eventuell Lizenzen).
- Der Markt ist global.
Das Internet ist damit ein Ökosystem mit eigenen Regeln. Täglich entstehen neue Organismen – Start-ups – und bestehende Organismen versuchen, sich darin zurechtzufinden. Wer nicht anpassungsfähig ist, wird zum Nährboden für andere.
Anpassungsfähigkeit als Erfolgsfaktor
Was kann die Ökonomie von der Biologie lernen? Vor allem dies: Anpassungsfähigkeit schlägt Grösse, und kontrollierte Versuche schlagen perfekte Pläne. Wer eine Geschäftsidee weiterentwickeln will, profitiert von einer strukturierten Evaluation und einem nüchternen Blick auf die eigene Nische – statt von der Hoffnung, das aktuelle Modell halte ewig.
Quellen:
[1] Lombriser/Abplanalp, 2015, S. 21–24. [2] Lombriser/Abplanalp, 2015, S. 24 ff. [3] Rutschmann, 2018. [4] Darwin, 2008. [5] Box/Hunter/Hunter, 2005, S. 440. [6] de Lamarck, 1809. [7] Darwin, 2008. [8] ResearchGate. [9] Aktuelle Liste: http://fortune.com/fortune500/. [10] Schumpeter, 1911. [11] Bolliger, 2017.