Zen-Meditation (Zazen): Bedeutung, Sitzhaltung, Anleitung
Zazen lernen: Schritt-für-Schritt-Anleitung für Zen-Meditation. Sitzhaltung, Atmung und Geisteshaltung einfach erklärt.
Zazen bedeutet schlicht „Sitzmeditation“ – und genau darin liegt die Praxis. Innerhalb des Zen gibt es zwei prägende Schulen, die unterschiedlich sitzen: im Sōtō-Zen mit dem Gesicht zur Wand nach dem Vorbild Bodhidharmas, im Rinzai-Zen hingegen sitzen die Praktizierenden mit dem Rücken zur Wand.
Europaweit gibt es Zentren, die sich auf diese Form spezialisiert haben. Was Zen ausmacht und wie Du Zazen praktisch beginnst, zeige ich Dir im Folgenden.
Was ist Zazen?
Laut Wikipedia ist Zazen „eine meditative Übung, die in der Regel die Hauptpraxis der zen-buddhistischen Tradition ist“. Das Wort stammt laut Duden aus dem Japanischen: za heisst „das Sitzen“, dazu Zen. Zazen ist also wörtlich Sitzen in Versenkung, kurz Sitzmeditation. Zen-Meditation und Zazen meinen im Alltag meist dasselbe; zur Praxis gehört neben dem Sitzen auch das Gehen (Kinhin, siehe unten).
Zen-Buddhismus
Zen wird oft als Strömung des Mahayana-Buddhismus eingeordnet. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Sanskrit (dhyāna) und bedeutet so viel wie „Versenkung“ oder „Meditation“. In Asien wird Zen seit über tausend Jahren praktiziert; im Westen ist es eine vergleichsweise junge Tradition. Ziel langfristiger Praxis ist nicht Spektakel, sondern eine Klarheit, die alltagsfähig wird.
An einem Sesshin in Bern 2008 dachte ich, dass jemand, der lange und ruhig sitzen kann, wahrscheinlich schon länger meditiert als jemand, der das nicht kann. Ich habe damals gemerkt, dass das eine falsche Annahme war: In der Meditation ist es nicht wie in einer Sportart, in der man durch mehr Übung und mehr Erfahrung einfach besser wird.
Die Gedanken während des Zazen
Beim Zazen richtest Du Deine Aufmerksamkeit auf Deine Körperhaltung und Deinen Atem. Dabei nimmst Du auch Gefühle und Gedanken wahr. Wenn Du bemerkst, dass Du einem Gedanken nachgehst, kehre mit Deiner Aufmerksamkeit zum Atem zurück. Du übst, die Gedanken zu beobachten und weiterziehen zu lassen, wie Wolken am Himmel.
Beim Sitzen können Fragen und Schwierigkeiten auftauchen. In Sesshins erhalten die angehenden Zen-Schüler in Einzelgesprächen (Dokusan) und Vorträgen (Teishō) Tipps und Hinweise, wie sie ihre aktuellen Erfahrungen und Schwierigkeiten beim Üben bestmöglich angehen können.
Wenn beim Sitzen körperliche Schmerzen auftreten, passe Deine Haltung an oder wechsle die Sitzposition.
Zen Meditation lernen
Was simpel klingt – sitzen und atmen – ist im Alltag eine ernsthafte Herausforderung. Beurteilende Gedanken, Wünsche, Listen und Sorgen ziehen uns laufend in Vergangenheit oder Zukunft. Häufig zitierte Schätzungen sprechen von tausenden Gedanken pro Tag; die genaue Zahl ist umstritten und methodisch schwer zu messen. Klar ist: Ein grosser Teil dieser Gedanken kreist um Sorgen, alte Geschichten oder unklare Zukunftsbilder.
Zen ist eine Möglichkeit, diesen Strom nicht zu unterbrechen, sondern weniger automatisch in ihn hineinzufallen. Für Anfänger gibt es allerdings auch zugänglichere Wege – etwa eine Atemmeditation oder einen strukturierten Anfängerkurs.
Was eine regelmässige Praxis bringen kann
- Mehr Gelassenheit im Alltag. Eine verspätete Bahn, eine vergessene Rechnung – kleine Dinge können das Stresslevel hochjagen. Regelmässige Sitzpraxis verändert mit der Zeit den Umgang mit solchen Reizen; Effekte hängen aber stark von Praxisform, Person und Kontext ab (siehe Wissenschaft hinter der Meditation). Voraussetzung ist Kontinuität.
- Auch für Einsteiger zugänglich. Du musst nicht ins Kloster ziehen. Ein paar Minuten am Tag genügen für den Anfang. Dass am Anfang viele Gedanken kommen, ist normal und kein Zeichen, dass Du es „falsch“ machst.
- Bessere Aufmerksamkeit. Wer das Sitzen übt, trainiert den Wechsel zwischen Abschweifen und Zurückkehren. Diese Bewegung trägt sich in den Alltag – Du bemerkst Ablenkung früher, kehrst schneller zur Sache zurück.
Sitzhaltungen im Überblick
Für Zazen sind diese Sitzvarianten üblich:
| Haltung | So geht es | Für wen |
|---|---|---|
| Ganzer Lotossitz (Kekka-Fuza) | beide Füsse auf den gegenüberliegenden Oberschenkeln | sehr bewegliche Hüften |
| Halber Lotossitz (Hanka-Fuza) | ein Fuss auf dem gegenüberliegenden Oberschenkel | der häufige Einstieg |
| Burmesischer Sitz | beide Unterschenkel liegen voreinander am Boden | wer den Lotos nicht halten kann |
| Fersensitz (Seiza) | kniend, auf den Fersen oder einer Meditationsbank | bei steifen Hüften |
| Stuhl | aufrecht, Füsse flach am Boden | wer am Boden nicht stabil sitzt |
Laut Wikipedia gilt für alle Sitze am Boden: „Welcher Sitz auch immer gewählt wird, die Knie sollen Bodenkontakt haben.“ Ein festes Kissen (Zafu) hebt das Becken an und macht das leichter. Mehr dazu in den Beiträgen zum Lotossitz und zur Meditation auf dem Stuhl.
Anleitung: Zazen in sechs Schritten
Zen ist im Prinzip simpel – aber nicht der einfachste Einstieg, vor allem unter Stress. Wenn Du sehr unruhig bist oder viel im Kopf läufst, sind andere Methoden zugänglicher. Wenn Du es ausprobieren willst, hilft Dir die folgende Anleitung.
Sitzmeditation im Zen
Vom Ort bis zu den Gedanken
Ruhiger Ort
Ablenkungen weg. Weiche, nicht synthetische Matte oder ein nicht zu hohes Kissen
Stabiler Sitz
Gerader, stabiler Rücken: halber Lotos, ganzer Lotos oder Schneidersitz
Kopfhaltung
Kinn leicht heranziehen, Wirbelsäule und Hals auf eine gemeinsame Linie
Augen, wie es passt
Keine allgemeine Regel: geschlossen oder leicht geöffnet
Tanden-Atmung
Tief und langsam durch die Nase ein- und aus, Fokus etwa drei Zentimeter unter dem Nabel
Gedanken ziehen lassen
Wie Wolken betrachten und an Dir vorbeiziehen lassen, ohne festzuhalten
Am Anfang 15 bis 20 Minuten, danach steigern, solange Du Dich wohlfühlst.
Schritt Nr.1 - Den richtigen Ort schaffen
Je mehr Ablenkung Dich umgibt, desto grösser ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass Du Dich beim Meditieren ablenken wirst. Deswegen kann es hilfreich sein, die richtige Umgebung zu schaffen. Sorge zunächst dafür, alle Ablenkungen zu eliminieren. Dazu kann Dein Handy, Dein Laptop wie alle anderen elektronischen Geräte gehören. Wenn Du magst, kannst Du Dir auch eine kleine „Meditationsecke“ einrichten oder ein paar Räucherstäbchen anzünden. Zudem solltest Du Dir zum Meditieren eine weiche, aber nicht synthetische Unterlage anschaffen. Falls Du gerade keine solche Matte zur Hand haben solltest, kannst Du alternativ auch ein normales, aber nicht zu hohes Kissen verwenden.
Schritt Nr.2 - Die richtige Sitzposition
Beim Zazen wird im Sitzen meditiert. Viele entscheiden sich zunächst einmal für den halben Lotossitz. Wenn es Dir angenehm erscheint, kannst Du bereits den ganzen Lotossitz wählen. Wichtig bei Deiner Sitzposition ist, dass Dein Rücken gerade und stabil ist. Du kannst dazu auch ein Meditationskissen verwenden, um das Gesäss gegenüber den Beinen ein wenig zu erhöhen. Du solltest während der Meditation nicht das Gefühl bekommen, mit dem Rücken einzuknicken. Für den halben Lotossitz musst Du lediglich Deinen linken Fuss auf Deinen rechten Oberschenkel legen oder umgekehrt. Wenn Du diese Position nicht lange halten kannst, dann versuche doch einfach im Schneidersitz zu meditieren. Wenn Du zudem ein paar Stretch-Übungen („Hüftöffner“) aus dem Yoga machst, dann wirst Du auch bald im halben Lotos sitzen können.
Schritt Nr.3 - Die richtige Position für Deinen Kopf
Die Position von Deinem Kopf spielt eine zentrale Rolle bei der Zen Meditation. Wichtig ist, dass Du eine angenehme und natürliche Haltung einnimmst, sodass Du Deinen Kopf während der Meditation nicht noch zusätzlich belasten musst. Oft hilft es, das Kinn leicht heranzuziehen und die Wirbelsäule mit dem Hals auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Probier einfach aus, welche Position für Dich persönlich am angenehmsten ist. Vor dem Zazen ist es hilfreich, alle Verspannungen wahrzunehmen und auf physischer Ebene zu lösen. Falls Dein Kiefer oder andere Gebiete Deines Kopfes verspannt sind, kannst Du diese Verspannungen mit einer leichten Massage lösen.
Schritt Nr.4 - geschlossene oder geöffnete Augen?
Bei der Zen Meditation gibt es keine allgemeine Regel, ob man die Augen geschlossen oder geöffnet halten sollte: Im Soto Zen sitzt man zur Wand gerichtet und hält die Augen leicht geöffnet, im Daishin Zen hingegen gibt es Übungen, bei denen man die Augen explizit offen halten soll. Für viele Menschen ist es angenehmer, die Augen geschlossen zu halten, da sie sich so besser auf die Atmung fokussieren können. Andere wiederum haben mit ihrer Konzentration im Allgemeinen Probleme. In diesem Fall kann es hilfreich sein, die Augen leicht zu öffnen, ohne Dich auf einen bestimmten Punkt im Raum zu fokussieren. Du kannst während der Zazen Meditation Deinen Blick auf den Boden, etwa einen Meter vor Dir richten. Somit verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass Du in Gedanken versinken wirst. Ich persönlich bevorzuge aber, Zazen mit geschlossenen Augen zu praktizieren.
Schritt Nr.5 - konzentriere Dich auf Deinen Atem
Nun kannst Du damit beginnen, Dich auf Deinen Atem zu fokussieren. Beginne damit, aufmerksam durch die Nase einzuatmen und wieder auszuatmen. Versuche hierbei in einen regelmässigen Rhythmus zu kommen. Je stärker Du Dich auf Deinen Atem konzentrieren kannst, desto weniger besteht die Gefahr, dass Du Dich von anderen Gedanken ablenken lässt.
In der Zen-Meditation verwendet man meist die Tanden-Atmung. Diese wird auch in einigen japanischen Kampfkünsten verwendet. Der Tanden bezieht sich auf den Bereich des Körpers, der etwa drei Zentimeter unter dem Nabel liegt und als Energiezentrum des Körpers betrachtet wird. Der Bereich stimmt mit dem unteren Dantien (im Neidan) überein. Die Tanden-Atmung beinhaltet das Bewusstsein und die Kontrolle des Atems im Tanden-Bereich. Die Technik besteht darin, tief und langsam durch die Nase ein- und auszuatmen und sich dabei auf den Tanden-Bereich und das Gefühl der Bauchbewegung beim Atmen zu konzentrieren.
Schritt Nr.6 - lass die Gedanken vorbeiziehen
Es ist nichts Aussergewöhnliches, dass zu Beginn noch Gedanken während der Meditation in Deinem Geist herumschwirren. Versuche diese wie Wolken am Himmel zu betrachten und an Dir „vorbeiziehen“ zu lassen, ohne daran festzuhalten.
Meditiere für eine gewünschte Dauer, z. B. 15–20 Minuten am Anfang, und steigere Dich nach und nach. Wie lange Du die Zazen Meditation praktizierst, ist Dir überlassen. Du solltest Dich einfach wohlfühlen dabei. Regelmässige Praxis ist jedoch am wichtigsten, um eine Veränderung zu bewirken.
Wie lange dauert Zazen?
Für den Anfang reichen die 15 bis 20 Minuten aus der Anleitung; laut Wikipedia ist es empfehlenswert, die Haltung mindestens 20 Minuten zu halten. In Zen-Zentren besteht eine Zazen-Periode laut Wikipedia meist aus zwei Sitzungen von 30 bis 50 Minuten, unterbrochen von zehn Minuten Kinhin. Ein Sesshin, ein mehrtägiges Retreat, besteht aus vielen solchen Perioden pro Tag.
Kinhin - Die gehende Meditation im Zen
Auch die gehende Meditation der beiden Zen-Richtungen unterscheidet sich sehr. Während man im Soto-Zen sehr langsam geht (man geht pro Atemzug einen kleinen Schritt, etwa in der Länge eines halben Fusses), versucht man in der Rinzai-Schule sehr schnell zu gehen. Hier findest Du die unterschiedlichen Methoden der gehenden Meditation.
Fazit
Zen ist eine Form der buddhistischen Meditation, die unspektakulär sein will: sitzen, atmen, beobachten. Mit Kontinuität entstehen Klarheit, ein ruhigerer Umgang mit Gedanken und der wahrnehmbare Unterschied zwischen Reiz und Reaktion.
Eine ältere Untersuchung zur Atmung in den beiden Schulen (Lehrer et al., 1999, PubMed) berichtete, dass Rinzai-Praktizierende langsamer atmeten und eine höhere Amplitude niederfrequenter Herzfrequenzwellen zeigten als Sōtō-Praktizierende. Solche Befunde aus kleinen Stichproben sind interessant, aber nicht überstrapazierfähig.
Zen lässt sich unabhängig von Alter und Glauben üben. Wenn Dich das Thema weiter interessiert, findest Du Hintergrund unter Meditation und einen begleiteten Einstieg im Grundkurs in Bern.
Quellen
Häufige Fragen
Was bedeutet Zazen?
Zazen stammt aus dem Japanischen: za heisst das Sitzen, dazu Zen. Zazen ist also wörtlich Sitzen in Versenkung, kurz Sitzmeditation. Es ist die Hauptpraxis der zen-buddhistischen Tradition.
Wie lange sollte man Zazen sitzen?
Für den Anfang reichen 15 bis 20 Minuten. Laut Wikipedia ist es empfehlenswert, die Haltung mindestens 20 Minuten zu halten. In Zen-Zentren besteht eine Periode meist aus zwei Sitzungen von 30 bis 50 Minuten.
Welche Sitzhaltung eignet sich für Zazen?
Der halbe Lotos ist der häufige Einstieg. Alternativ eignen sich der burmesische Sitz, der Fersensitz (Seiza) oder ein Stuhl. Bei allen Sitzen am Boden sollen die Knie Bodenkontakt haben.
Augen offen oder geschlossen beim Zazen?
Es gibt keine allgemeine Regel. Im Sōtō-Zen sitzt man mit leicht geöffneten Augen zur Wand, der Blick geht etwa einen Meter vor sich auf den Boden. Ich übe persönlich mit geschlossenen Augen.
Was ist der Unterschied zwischen Sōtō- und Rinzai-Zen?
Sōtō sitzt mit dem Gesicht zur Wand, Rinzai mit dem Rücken zur Wand. Beim Kinhin geht man im Sōtō sehr langsam, im Rinzai schnell.
Was ist Kinhin?
Kinhin ist die Gehmeditation im Zen. Sie liegt zwischen den Sitzperioden.